Agiles Vorgehen im Projektgeschäft – Teil 4

Im vierten Teil unserer Serie geht es um die Beziehungen, die sich durch diese Projektvorgehensart entwickeln.

4. Die Beziehung Auftraggeber und Auftragnehmer bei agilen Vorgehensmodellen

Alle agilen Vorgehensmodelle haben einen inkrementellen, iterativeren und evolutionären Entwicklungsprozess. Die Steuerung dieses Entwicklungsprozesses erfolgt durch eine Person, welche die Interessen der zukünftigen Nutzer wahrt und vertritt. Somit sollte diese Rolle in einer Auftragnehmer/Auftraggeber Beziehung durch den Auftraggeber besetzt werden.

Diese zentrale Rolle, in SCRUM z.B. als Product Owner bezeichnet, hat die Aufgabe, den Entwicklungsprozess sowohl inhaltlich und zeitlich sowie im Rahmen des eingerichteten Budgets zu steuern. Da bei agilen Vorgehen der Inhalt „nur“ durch (Funktions-)Ziele und Anforderung, jedoch nicht durch eine detaillierte Spezifikation hinsichtlich Umfang und Ausprägung definiert ist, hat der Product Owner auch die Aufgabe, durch Veränderung des Inhaltes die Steuerung hin auf einen bestimmten Zeitplan und Budget vorzunehmen.

Somit kommt dem Auftraggeber die Übernahme der Rolle des Product Owners zu und steht, wie viele Unternehmen in Österreich, vor der Herausforderung, keinen oder nur selten Mitarbeiter zu haben, welche diese Rolle kennen und leben können. Es macht jedoch keinen Sinn, die Rolle des Product Owners an den Auftragnehmer zu übertragen, da dieser nicht geeignet ist, die Interessen der zukünftigen Nutzer zu wahren und zu vertreten.

In Fällen, wo der Auftragnehmer den Auftraggeber schon sehr gut kennt, eine längere Geschäftsbeziehung besteht oder der Auftragnehmer die Möglichkeit bekommt, in die Welt des Auftraggeber intensiv einzutauchen und somit das Niveau einer „User Intimacy“ (= „eine tiefe und umfassende Kenntnis und Verständnis der Benutzerwelten, die man am eigenen Leibe erfahren hat“) bekommt, kann die Rolle des Product Owners auch beim Auftragnehmer angesiedelt werden.

Bestebeziehung_bloght diese Möglichkeit nicht und betrachtet man nun dieses Projektsetup aus organisatorischer Sicht, so kommt der Auftragnehmer in die Rolle einer verlängerten Werkbank, eines Beraters und Trusted Advisors. Juristisch ergibt sich aus diesem Projektsetup die Beauftragung des Auftragnehmers durch einen Zeit-/Dienstleistungsvertrag.
Die Errichtung eines Werkvertrags ist aus verschiedenen Gründen abzulehnen.

Zum einen ist es den agilen Vorgehensmodellen eigen, das Endergebnis hinsichtlich seiner genauen Ausprägungen und Eigenschaften nicht vorab definieren zu können und auch nicht zu wollen, da in einem evolutionären Prozess die Lösung erarbeitet werden soll.

Zum anderen muss der Product Owner, um die Interessen der zukünftigen Nutzer bestmöglich zu vertreten, aus der Zielorganisation kommen und findet sich somit regelmäßig auf der Seite des Auftraggebers oder wird von diesem bestimmt und direkt beauftragt. Somit ist jene Rolle und Funktion, welche die Steuerung innerhalb des gegebenen Zeit- und Budgetrahmens über die Ausprägung und Umsetzungstiefe der Anforderungen und (Funktions-)ziele vornimmt, in der Organisation des Auftraggebers angesiedelt.

Dies führt dazu, dass die maßgebliche Steuerung und Verantwortung für den Projekterfolgt beim Auftraggeber liegen und dem Auftragnehmer die nicht zu unterschätzende Rolle der zielorientierten Beratung und Unterstützung in der Abwicklung des Projektes zukommt.

Damit diese Form der Zusammenarbeit gelingen kann, muss die Beziehung zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer von Offenheit, Transparenz und starkem gegenseitigen Vertrauen geprägt sein. Damit dem Auftragnehmer eine zielorientierte Beratung gelingen kann, benötigt dieser einen tiefen Einblick in die Zielorganisation, ihre Abläufe, Struktur und auch Kultur. Nur dann ist es ihm möglich, eine zielorientierte Beratung hin auf den Projekterfolg vorzunehmen.

Ebenso muss der Auftragnehmer gegenüber dem Auftrag hinsichtlich der Möglichkeiten, Funktionen und sinnvollen Einsatzmöglichkeit der Lösung, der Parametrisierung und Anpassungen offen und transparent agieren. Nur dann kann der Product Owner auf einen optimalen Einsatz der Lösung hin steuern.

Diese Situation erfordert ein starkes gegenseitiges Vertrauensverhältnis zwischen Auftraggeber und Auftragnehmer sowie die Akzeptanz, dass man dieses im Rahmen der Vertragsgestaltung nur schwer regeln kann. Aus juristischer Sicht können „nur“ die Maßstäbe und Grundlagen für Transparenz und Offenheit bestimmt werden. Das Vertrauen, diese tatsächlich auszuleben, muss gegenseitig gegeben werden.

Teil 1 zum Nachlesen
Teil 2 zum Nachlesen
Teil 3 zum Nachlesen

Autor: Jakob Weinknecht

Jakob Weinknecht ist Business & Market Development bei NAVAX und war davor Bereichsleiter für CRM & Collaboration bei NAVAX. Er verfügt über mehr als 15 Jahre Führungserfahrung in der Implementierung von ERP-, xRM- und BI-Systemen bei internationalen Kunden, von Entwicklung über Beratung bis zur Projektleitung und ist zertifizierter Senior Projektleiter (IPMA B). Gleichzeitig ist er als Lektor an der Fachhochschule Burgenland und an der Fachhochschule des bfi Wien tätig. Er war mehr als 10 Jahre im Projekt- & Anlagenbau mit Kundendienst, Serien- und Prozessfertigung in internationalen Unternehmensgruppen tätig. In seiner Hochschulausbildung spezialisierte er sich auf Controlling & Consulting, Organisationsentwicklung, Strategisches Management und Wissensmanagement und nahm an einen internationalen MBA in Management & Communication mit Auslandsmodul in den USA teil, außerdem war er als langjähriger wissenschaftlicher Mitarbeiter an der JKU Linz tätig. Jakob Weinknecht fährt in seiner Freizeit gerne Motorrad und reist quer durch fremde Länder abseits der befestigten Straßen oder durch die Wüste.

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